Eine Fernsehmoderatorin kritisiert Lockdown

frank morschner
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Die Frühstücksmoderatorin, Marlene Lufen, ruft auf, endlich die Kollateralschäden der Ausgangssperren und Einschränkungen näher zu untersuchen. Ein ergreifender Aufruf zur Vernunft und Menschlichkeit. (Niveau B2+) 

 

Wir müssen auf das Gesamtwohl unserer Bevölkerung gucken!

animatrice de télé allemande critique le confiement
Fernsehmoderatorin Marlene Lufen vom Privatsender SAT1

“So, ich versuche jetzt mal was in Worte zu fassen, was mich seit sehr langer Zeit umtreibt. Für uns alle ist die Situation extrem schwer. Und das ist weltweit so und das ist für uns alle in Deutschland so, Und jeder hat so seine kleinen Kämpfe und es geht nicht darum, noch mal zu jammern, wie es bei mir jetzt gerade ist, weil an sich ist es bei mir ja noch sehr gut, denn ich darf arbeiten und meine Familie um mich herum… Ich hab jemanden, der mich in den Arm nimmt, wenn es mal sein muss. viele Menschen haben genau das nicht, und ich hab’ nur diese große Sorge und die macht mich so fertig, dass ich eigentlich schon seit langer Zeit nicht mehr gut schlafe. Ich hab das Gefühl, dass wir in zwei, drei Jahren zurückgucken auf diese Zeit und dass wir denken, wir haben es falsch gemacht.Dieser Lockdown ist das Falscheste, wass wir hätten machen können, zumindest über einen solchen langen Zeitraum.

0’51:

Denn auch in einer Pandemie haben Menschen Depression, haben Menschen eine Suchterkrankung, Herzkreislauf-Probleme, müssten im Grunde genommen andere Therapien bekommen, die sie nicht bekommen, erleben Gewalt in der Familie, und haben andere Probleme, die auch zum Tod führen, und das alles wird im Moment zu wenig in Betracht gezogen.

1’34:

Wir schauen nur auf diese Zahlen, wir schauen nur auf Infizierten-Zahlen und auf Todeszahlen, und stellen sie ins Verhältnis zu 83 Millionen, was mir auch manchmal falsch bekommt, aber darum geht es jetzt gar nicht. Wir stellen sie nicht ins Verhältnis mit Problemen, die einhergehen mit diesem Lockdown, der Lockdown ist auch eine Medizin. Und bei jeder Medizin guckt der Arzt darauf, wie ist die Wirkung und wie sind die Nebenwirkungen. Und sind die Nebenwirkungen womöglich heftiger als die Wirkung, dann lässt man es bleiben. Wer schaut wirklich auf diese Auswirkungen des Lockdowns, auf sehr, sehr unterschiedliche Bereiche und „Parts“ unserer Gesellschaft? Und das wird zu wenig gemacht.

1’57:

Deswegen habe ich den letzten Tage damit zugebracht, meinen Beruf, den ich eigentlich mal gelernt habe, auszuüben. Ich habe mit ganz, ganz vielen menschen telefoniert, gesprochen, mir Studien durchgelesen und versucht rauszufinden, ob das Bauchgefühl, dass ich habe, tatsächlich der Wahrheit entspricht. Oder eben nicht, dann machen wir eben so weiter, dann kann ich vielleicht doch besser schlafen. Ich hab gesprochen, ich lese es mal vor, mit dem Bundesfamilienministerium, ich hab mit dem Hilfetelefon “Nummer gegen Kummer” gesprochen, ihm mit dem Verband der Jugendpsychotherapeuten, mit der Gewaltambulanz der Charité, mit der Uniklinik Köln mit der Deutschen Alzheimer-Gesellschaft, ich hab gesprochen mit dem Fachverband „Sucht“, mit der Stiftung Depressionshilfe, mit der Gewerkschaft der Polizei, mit Krankenkassen und mit Kliniken für Essstörungen und ganz viele mehr.

2’42:

Und ich habe bei allen eine Reaktion bekommen: Das sie gesagt haben,  für unsere Patienten ist das eigentlich eine Katastrophe. Aber das wird zu wenig gesehen. Es gibt Verbände, die haben Pressemitteilungen herausgegeben und es wurde weiter gar nicht publiziert, weil nämlich Folgendes gerade passiert: Jeder, der Bedenken an den Maßnahmen äußert, wird so ein bisschen… oder es wird vermutet, dass er so in Richtung Trump-Wähler oder Michael Wendler geht, oder Attila Hildman oder was auch immer, irgendwelche Menschen, die an Verschwörungstheorien glauben; nichts von alledem ist bei mir der Fall. Und wenn jetzt Twitter irgendwo so tut, als ob ich eine ganz dumme Person bin, die hier irgendwie einen ganz großen Quatsch erzählt, dann kann ich damit umgehen . Ich bin nämlich gar nicht bei Twitter.

3’30:

Ich habe aber versucht Zahlen …. (weil wir alle so viele Zahlen hören …)  Zahlen herauszubekommen , wie die Nebenwirkungen dieses Lockdowns sich darstellen für Menschen, die auch zu uns gehören . Und die Zahlen lese ich jetzt mal vor: die Gewaltambulanz der Charité, das war der erste Artikel, den ich im letzten Jahr im Sommer gelesen hatte, der mich wirklich hat aufhorchen lassen . 23 % mehr Fälle von Gewaltanwendung an Kindern hat die Gewaltambulanz der Charité im ersten Halbjahr 2020 ermittelt. 23 % mehr Gewaltanwendung bei Kindern! 600.000 Menschen leben in ihrem eigenen zu Hause mit Schlägen , mit Stößen und Schlimmerem. Das ist eine Zahl, die existiert schon immer. 600.000  ungefähr die Zahl der Menschen, das sind  ungefähr 6,5 Prozent der Kinder; das ist in normalen Zeiten so.

4’35:

Kinder sind aber jetzt gerade der Situation ausgeliefert, ohne dass sie Ablenkung: haben, oder dass jemand anders drauf schaut, dadurch dass sie nicht zur Schule gehen, dass sie nicht zum Sport können, dass sie sich nicht mit ihren Freunden treffen können.

461 000 Kinder haben im Jahr 2020 — oh, ich muss schon wieder kämpfen! – Nochmal: 461 000 Kinder haben im Jahr 2020 die „Nummer gegen Kummer“ gewählt. Das ist eine Telefonnummer, die für Kinder und Jugendliche eingerichtet ist, die  — egal zu welchem Thema — dort Hilfe bekommen.

5’20:

Allein die online Beratung hat einen Zuwachs von 31 %, das sind 10.428 Beratungen mehr als im Jahr davor! 10.428 Kinder und Jugendliche wenn in diesem Jahr diese Nummer angewählt, übers Internet Hilfe gesucht,  weil sie sich nicht anders wehren konnten. Weil sie in Not waren. Die Jungend-Not-Mail und die Jugend-Online-Elternberatung, gefördert vom Bundesfamilienministerium, verzeichnet eine Steigerung des Bedarfs nach Hilfe seit März 2020 um zeitweise 50 %!

5’47

2,6 Millionen Kinder leben auch vor Korona mit Eltern, die suchtkrank sind, mit suchtkranken Eltern. 2,6 Millionen Kinder! Kinder, und das ist was mir der Kinderschutzbund ganz deutlich gesagt hat, diese Kinder, ich zitiere jetzt mal: „aus prekären Lebenssituationen, sind durch diese Schließung sich selbst überlassen, was Sozialarbeiter, Erzieher, Lehrer, Psychotherapeuten etc. in normalen Zeiten kompensieren, gelingt unter den jetzigen Umständen nicht mehr ausreichend. Wir haben einen Appell gestartet und gesagt: ‚Das geht nicht! Wir dürfen es den Kindern nicht antun!’ Aber,… Kinder haben nicht genug Lobby!“

6’29:

Das Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“ verzeichnet einen sprunghaften Anstieg seit April 2020, von 15 bis 20 % mehr Beratungsaufkommen. Das kann auch daran liegen, dass dieses Hilfetelefon ganz doll publik gemacht wurde, habe ich auch gemacht, das ist auch ein ganz, ganz tolles Tool; also kann man jetzt nicht sagen, dass zwingend 15-20 % mehr Fälle. Aber der Zuwachs, und hinter jedem Anruf steckt ein Mensch in Not, der ist auf jeden Fall zu verzeichnen.

6’57:

67 % der Jungend Zwischen 18 und 24 fühlen sich zur Zeit überdurchschnittlich psychisch belastet. Und Magersucht ist eine sichtbare Version der psychischen Erkrankung. Ich habe mit zwei verschiedenen Kliniken Kontakt gehabt, die sich auf Anorexie (auf Magersucht) bezogen haben, und beide haben gesagt (die Chefärzte beider Kliniken), dass es eine ganz, ganz dramatische Situation ist.

7’23:

800.000 Menschen leiden in Deutschland an Anorexie, 6 bis 10 % sterben daran. Und das, was ich gesagt bekommen habe ist Folgendes: Ungefähr 10 bis 20 % ist seit Herbst, und ganz besonders seit Dezember, zu bemerken, dass mehr Plätze angefragt werden und zum einen sind es Menschen, die jetzt schon einmal stationär behandelt worden sind, und die jetzt durch den Lockdown zurück in diese Situation geraten… zurück in die Magersucht geraten, Weil sie einsam sind und weil sie auch diese normalen Bewältigungsstrategien, die sie ja gelernt haben, um mit dieser Essstörung klarzukommen, nicht mehr ausüben können, weil sie einfach auf sich selbst gestellt sind und den ganzen Tag über Social Media und andere Kanäle mit sich selber auseinandersetzen und in die Sucht geraten, aber was eben auch dramatisch ist, dass sehr viele zum ersten Mal kommen, seit dem Lockdown. Der Lockdown, und das ist jetzt gerade ein Zitat: „Der Lockdown hat mir die Magersucht gebracht.“ Das sind jetzt gerade ganz, ganz viele Menschen, die Hilfe suchen in solchen Kliniken.

8’25

74 % der an Depressionen Erkrankten, geben in einer Befragung an, extrem belastet zu sein, im Lockdown. Und wenn ein Depressiver extrem belastet ist, dann gibt es die Problematik der Suizide irgendwann. Die sind jetzt noch nicht messbar. Ich habe mit der Polizei gesprochen und die haben mir gesagt, es gibt diese Zahlen noch nicht, weil die Polizei gibt das nur einmal das Jahr heraus.  Und die können dann auch nur Zahlen rausgeben, die durchgecheckt sind, wo halt Falschmeldungen herausgerechnet werden usw. Das heißt, die Zahl gibt es noch nicht. Aber die Befürchtungen der Psychokliniken und der Therapeuten ist, dass diese Zahl sprunghaft ansteigen wird. Und im Übrigen: das ist auch, weil sie ja auch von Nachwirkungen und Langzeitwirkungen von Korona sprechen, dass das, was jetzt gerade passiert mit der Psyche von sehr vielen Menschen gerade auch eine Langzeitwirkung hat, die wir noch sehr lange spüren werden.

9’21:

50 % der Haushalte sind Haushalte, wo Menschen alleine leben —Über 50 %! Davon sind auch sehr, sehr viele alte Menschen, und es sind junge Menschen, aber es sind eben auch sehr viele alte Menschen, die wir eigentlich schützen wollen. Die deutsche Alzheimer-Gesellschaft sagt, … (die haben mir fünf Studien geschickt) die ich mir alle mehr oder weniger durchgelesen habe, aber bei allen war es ganz klar, es ist wissenschaftlich belegt, dass für Menschen, die gerade in eine Demenz rutschen oder Gedächtnisprobleme haben, das ist unglaublich wichtig ist, soziale Kontakte zu haben, Bewegung zu haben, unter anderen Menschen zu sein.

10’02

Ich habe selber eine Mutter, die 80 Jahre ist, die normalerweise zum Senioren-Sport geht. Das ist jetzt natürlich nicht mehr möglich, das ist jetzt verboten, die trifft sich normalerweise zum Romy Cup spielen und Scrabbeln, das macht sie auch nicht. Seit zehn Monaten sitzt Mama alleine zu Haus und denkt , dass es so sein muss und dass es auch das einzig Richtige ist. Ihre Töchter, die kommen natürlich zu Besuch und alle kümmern sich, aber das ist natürlich viel, viel weniger, was sie normalerweise in ihrem Leben macht. Und ich bemerke eine ganz dramatische Situation. Und ich weiß wirklich nicht, ob es das richtige, für allein lebende Menschen, das acht alte Damen nicht zum Senioren-Sport – verteilt auf eine große Turnhalle  …. dass sie da nicht hingehen kann, weil sie eventuell das Virus mit sich tragen. Wer rechnet das aus! Ich weiß es nicht, aber Ich möchte, dass wir uns mit den Zahlen auseindandersetzen.

10’59:

Hinzu kommen die vielen, vielen Menschen, die gerade ihre Existenz verlieren. Ich habe Sprachnachrichten von Leuten die mich gebeten haben: „Kannst du nicht darüber mal berichten?  Kannst du nicht mal berichten, wie es für Leute in der Event-Branche ist? Ich habe einen Freund, der arbeitet in einer Event-Branche. Der hat gesagt, er hat gerade seine private Rentenversicherung gerade gekündigt, um von diesem Geld seine vierköpfige Familie zu bezahlen. Friseure die bei mir anrufen und sagen, diese Hilfen, die kommen gar nicht an. Sie leben jetzt schon von dem, was sie sich angespart haben. So viele Freiberufler, Kleinunternehmer oder Unternehmer von mittelständischen Betrieben, die jetzt gerade in den Bankrott abdriften, die alle psychische, seelische Not erleiden, …. Das müssen wir auch … berechnen! Wir müssen das gegenrechnen. Wir müssen überlegen, ob der Lockdown wirklich das Richtige ist. Und mein Eindruck ist, von den vielen Menschen, mit denen ich gesprochen habe, durch meinen Job im Frühstücksfernsehen, durch das, was ich in normalen Leben selber erlebe als Mutter, als Tochter, als Freundin, dass, was  drumherum passiert, durch den Lockdown, das ist so schlimm, dass ich nicht genau weiß, dass wir nicht anders damit umgehen sollten,   dass wir nicht viel mehr Energie und Geld in die Hand nehmen sollten, dass wir ganz gezielt zum Beispiel die Pflegeheime schützen, und da ein Gesetzt ist, dass jemand nur rausgehen und rein gehen darf, der getestet ist. Das ist nicht meine Aufgabe und ich möchte nicht so tun, als ob die Politik ihren Job nicht kann, ich möchte es nur anregen, weil ich glaube, es ist ganz wichtig, dass wir diese Menschen im Blick haben, die jetzt gerade in größter Existenznot sind. Und eins ist mir noch mal ganz wichtig: Herr Wieler vom Robert-Koch-Institut und Herr Drosten werden daran gemessen, wie die Infizierten-Zahlen runtergehen, das ist ihr Bereich, das ist ihr Job, und daran werden sie gemessen, so wie wir eine Quote beim Fernsehen haben. Wir müssen aber auf das Gesamtwohl unserer Gemeinschaft, unserer Bevölkerung gucken. Wir leiden nicht nur an einer Pandemie. Wir haben auch andere Leiden. Und wir müssen die gesamte Gesundheit von uns allen im Blick haben. Das ist gar nicht der Job des Robert-Koch-Instituts oder von Virologen, aber das ist unser Job. Und deswegen ist es so wichtig, dass wir unseren Job, das wäre wirklich kritisch auf den Lockdown gucken, ob wir es nicht doch anders machen müssen.  Und jedes Mal, wenn jetzt in den Nachrichten oder sonst wo wieder jemand sagt: „Wir müssen noch mal die Zähne zusammenbeißen!, dann ist es auch ganz durchgestanden mit der Pandemie.“ Hat irgendein Kind zu Hause von seinem Vater die Faust im Gesicht, wird irgendwo eine Frau geschlagen, überlegt irgendein Jugendlicher in psychischer Not, ob er sich vielleicht von der Brücke stürzt? Und das müssen wir wissen, wenn wir einfordern: „Hey, nochmal die Zähne zusammenbeißen!“

Ich danke, dass ihr bis jetzt zugehört und zugeschaut habt. Das ist meine Meinung, ich spreche hier als Privatperson und aus vollstem Herzen und nicht als „Verschwörungstheoretikerin“, sondern einfach als jemand, der sich große Sorgen um uns alle macht und hofft, dass wir es bestmöglich angehen in den nächsten Wochen. Dankeschön!”

Quelle: Instagramm, YouTube: Die 1970 in West-Berlin geborene Marlene Lufen ist Moderatorin beim Frühstücksfernsehen auf dem Privatsender Sat1. In Ihrer Jugend war sie Leistungsschwimmerin, spielte Theater und gründete kurz darauf eine Theatergruppe.